Fliegenpilze aus Kork : Roman

Lehner, Marie Luise, 2017
Bücherei Nussdorf
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Medienart Buch
ISBN 978-3-218-01067-2
Verfasser Lehner, Marie Luise Wikipedia
Systematik DR - Romane, Erzählungen, Novellen
Schlagworte Belletristik, allgemein und literarisch
Verlag Kremayr & Scheriau
Ort Wien
Jahr 2017
Umfang 192 Seiten; 206 mm x
Altersbeschränkung keine
Sprache deutsch
Verfasserangabe Marie Luise Lehner
Annotation Quelle: Literatur und Kritik;
Autor: Rainer Moritz;
Mann mit gelben Zähnen
Marie Luise Lehners »Fliegenpilze aus Kork«
Warum klingen Debütromane oft so ähnlich? Warum wirkt das, wovon sie erzählen, mitunter so austauschbar? Vielleicht, weil sie von der merkwürdigen Neigung zeugen, für vergangene Geschichten auf keinen Fall dem klassischen Erzähltempus des Präteritums zu vertrauen, und stattdessen mit dem (vermeintlich) distanzlosen Präsens beklemmende emotionale Nähe suggerieren wollen. Oder vielleicht, weil sie langen Perioden ängstlich aus dem Weg gehen und Hauptsatz an Hauptsatz aneinanderreihen, um den Lesern die Aufgabe zu überantworten, zwischen den Zeilen nach der Bedeutsamkeit zu fahnden, die die knappe Syntax gezielt verweigert.
Marie Luise Lehner, Jahrgang 1995, hat auf den ersten Blick mit Fliegenpilze aus Kork einen Erstling vorgelegt, der all diese Erwartungen aufs Beste zu erfüllen scheint. Zudem scheint dieser auch thematisch kaum von dem abzuweichen, was sich in der jungen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur an jeder Ecke findet: Der Text verfolgt von der Geburt bis etwa zum zwanzigsten Lebens-
jahr das Heranwachsen einer namenlos bleibenden Ich-Erzählerin. Schon im Auftaktkapitel »Geboren werden« nimmt der Säugling erstaunlicherweise im Spital Gummibäume und Radiomusik wahr, und je älter das Mädchen wird, desto schärfer werden seine Beobachtungen, desto klarer grenzt es sich von seiner Umgebung ab.
Was so als typische Coming-of-Age-Geschichte anmutet, erweist sich schnell als eine Vater-Tochter-Auseinandersetzung. Die Eltern trennen sich, als die Erzählerin zwei ist, und während die Mutter eher eine Randfigur bleibt, wird ihr (Wochenend-)Vater zur entscheidenden Referenz. Dieser ist ein Möchtegern-Bohémien, der sich selten wäscht, permanent raucht, lange Haare und gelbe Zähne hat, seine Wohnungen alle naselang wechselt, vor Kleindiebstählen nicht zurückschreckt, begeistert die Schriften Rudolf Steiners liest, auf der Müllkippe nach Verwertbarem sucht und sich in seiner Geldnot mit Gelegenheitsjobs durchschlägt.
Von Anfang an weiß die Tochter, dass ihr Vater außer Konkurrenz läuft und in die bürgerlichen (Wiener) Welten schwer zu integrieren ist. Schon die Fünfjährige erkennt diesen Unterschied: »Wir sind anders als die anderen Menschen auf der Straße. Ich weiß nicht genau, woran man das festmachen kann. Wir sind irgendwie bunter und lustiger, denke ich.« Mal gefällt der Erzählerin das Unkonventionell-Originelle ihres Vaters etwa wenn er Sektkorken rot anmalt und sie mit schwarzen Punkten zu Fliegenpilzen macht , mal leidet sie unter seinen peinlichen Auftritten und schämt sich. Als sie zehn Jahre ist, bekommt der Vater von einer anderen Frau ein zweites Kind, doch die neue Konstellation mit der anstrengenden Schwester macht dieses Patchwork-Leben nicht einfacher.
Fesselnd an Lehners Roman ist seine Beschränkung, sein Verzicht darauf, die Innenwelt der Protagonistin psychologisch auszuleuchten und das Geschehen politisch-gesellschaftlich zu verorten. Am Rande ist von österreichischen Wahlkämpfen, von den Schüssels und Haiders die Rede eine wichtige Rolle spielt das freilich nicht. Und dass die Erzählerin lesbische Erfahrungen macht und mit Frauen schläft, die ihrem Vater ähneln, wird so lapidar erzählt, als ginge es um einen Einkauf bei Billa oder eine Spritztour mit dem Auto. Die kleinen Szenen und Episoden, aus denen sich diese zwanzig Lebensjahre zusammensetzen, sollen für sich stehen, und immer wieder geht es darum, wie weit Tochterliebe reicht: »Mein Vater sagt Dinge, und ich glaube sie. Weil er mein Vater ist.«
Enttäuschend an Lehners Roman ist seine stilistische Kargheit, seine Risikoscheu. Parataktische Reihungen wie »Meine Affäre ist auch dort. Wir sind uns sehr nah und teilen eine Ecstasy-Tablette. Ich nehme sie mit nach Hause. Wir ­haben Sex im Hochbett meines Vaters« erwecken den Eindruck, als müssten poetisch-pointierte Beschreibungen um jeden Preis vermieden werden. Man ahnt, man weiß, warum die Autorin eine solche dezidierte Schmucklosigkeit bevorzugt, doch wem es um Literatur geht, darf sich auf Dauer nicht auf Schwundstufen des Stils zurückziehen. So ist Fliegenpilze aus Kork eine Talentprobe, keine Frage. In ihren nächsten Texten muss Marie Luise Lehner jedoch mehr wagen und zeigen, dass ihre Sprache mehr als Reduktion ist.
Bemerkung Katalogisat abgeglichen mit: Rezensionen online open (inkl. Stadtbib. Salzburg)
Exemplare
Ex.nr. Standort
184 DR, Leh

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